Mit „Lilith“ eröffnete Barbara Fischer die Baumweltensaga, einen nunmehr dreibändigen Zyklus über verschiedene mythologische Frauengestalten, deren Geschichten die in Köln beheimatete Autorin neu gedacht und geschrieben hat. Auch bei ihr beginnt alles mit Lilith. Jedoch ist ihre erste Frau ein bisschen anders… Ebenso verhält es sich mit ihrer Freyja. Silvia Klein hat sich mit der Autorin darüber unterhalten, warum das so ist.

Das Ende der Mär von der bösen ersten Frau

"Lilith" von Holger Much
„Lilith“ von Holger Much

In deinem Buch gibt es verschiedene Welten, wie Asgard, Midgard und das Elfenreich. Wenn du es dir aussuchen könntest, in welcher würdest du leben?

B.F.: Außer der Eiswüste Niefelheim haben für mich alle Welten ihre Qualitäten. In Asgard scheint immer die Sonne, im Muspelsheim ist es immer warm. Leben aber würde ich am liebsten in Midgard, dort ist die Vielfalt am größten, vielleicht ist mir das am Vertrautesten.

Nordische Mythologie macht einen großen Teil der „Baumweltensaga“ aus. Was fasziniert dich daran?
B.F.: Ich liebe die Vorstellung von einem Weltenbaum als Achse der verschiedenen Ebenen des Daseins, der Welten. In diesem Bild ist ganz viel Wachstum und Veränderung. Und ich liebe Geschichten. Da ist der Weg kurz zur nordischen Mythologie mit ihrer Weltenesche Yggdrasil.

In Deiner Welt treffen verschiedene Mythen aufeinander. Vieles ist im weitesten Sinne „nordisch“. Aber Du verwendest auch Figuren wie Lilith, die ursprünglich aus der sumerischen Sagenwelt stammt. Wie kamst du auf die Idee, das alles zu vermischen?

B.F.: Grund ist der berühmte Aha-Moment. Als ich mich im Rahmen meines Studiums damit beschäftigt habe, wie die ägyptische Mythologie in den Figuren des antiken Griechenland aufging, da habe ich begriffen, wie sich eins aus dem anderen entwickelt. Mythologien und Geschichten sind universal, Charaktere sind universal. Die Namen wechselten dann wieder von der griechischen zur römischen Antike, die Figuren und ihre Funktionen blieben im Grunde die Gleichen. Ich setze diesen Prozess in meinen Geschichten im Grunde nur figürlich um und integriere auch den außereuropäischen Bereich. Außerdem glaube ich, dass zu allen Zeiten, Figuren, Mythologien und Gedanken um die Erde gereist sind, das ist keine Erfindung der Neuzeit. Vor diesem Hintergrund erzähle ich meine Geschichten.

Lilith und vor allem Freyja sind ja bekannte mythische Figuren. Was unterscheidet Deine Lilith und Deine Freyja von denen aus den alten Religionen?

B.F.: Es gibt bei Lilith verschiedene Phasen der Überlieferung. Am Ende hat die christlich-patriarchale Tradierung Lilith zu einer verdammenswerten Dämonin stilisiert, die ihre eigenen Kinder krankmacht und frisst. Dieses Erbe wirkte in der Literatur so nachhaltig, dass lange Zeit überall da, wo es um Lilith ging, eine negative, krankmachende Seite des Daseins beschrieben wurde. Dieses Bild wurde mit der westdeutschen feministischen Bewegung in den späten 60er Jahren des letzten Jahrhunderts aufgebrochen. Von da an wurde Lilith auch als starker Charakter dargestellt, die ihren Mann verlässt, um auf eigenen Beinen zu stehen. In dieser Tradition stehe ich und erzähle die Geschichte einer freien und positiven Lilith, die eine egalitäre Gesellschaft maßgeblich mitgestaltet. Sie muss dafür auch keinen Mann verlassen, im Gegenteil, sie unterstützt ihren Mann, seinen eigenen Weg zu gehen.

Aber über Freyja sind sich die Schriften doch weitgehend einig, oder?

B.F.: Auch zu Freyja gibt es in der Forschung unterschiedliche bis widersprüchliche Aussagen. Die gebräuchlichsten sind, Freyja als Göttin der Liebe und des Kampfes zu bezeichnen. Dazu ist sie die hermaphrodite Göttin des nordischen Pantheons. In der Edda ist die Abgrenzung der Geschlechter teilweise fließend. Aus diesen Attributen ist meine Freyja gewebt. Ich fand die Idee total spannend, eine Geschichte zum Genderflow zu schreiben, um eine Frau, die zugleich ihr Liebhaber und Bruder ist. Eine solche innere Struktur ist eine große Herausforderung, sie zu meistern erfordert Stärke. Da ich die hermaphrodite Freyja nicht nur im übertragenen Sinne als starke Frau darstellen wollte, habe ich als Rahmen eine Art vor-olympisches Sportfest gewählt, zu dem auch extraterrestrische Sportler*innen in die Baumwelten kommen. Um mich besser in den Genderflow einfühlen zu können, habe ich mit einer Trans-Frau gesprochen. Die Liebesgeschichte im Buch geht auf die Arbeit der feministischen Mythologie-Forscherin Vera Zingsem zurück.

Zwei deiner Charaktere sind Konkurrentinnen in einem Sportwettkampf. In welcher Disziplin wärst du am besten?
B.F.: Im Schwimmen. Ich war früher Schwimmerin und schwimme immer noch gerne und so oft ich kann.

Der Antagonist „Ariman“ ist maßgeblich von einem bösen Geist beeinflusst. Im Laufe der Geschichte stellt eine der Heldinnen fest, dass sie ebenfalls von einem solchen infiziert wurde, er ihr aber nichts anhaben konnte. Glaubst du, dass in jedem von uns Böses steckt?

B.F.: Die Geschichte läuft darauf hinaus, dass wir immer die Wahl haben uns für die eine oder die andere Seite zu entscheiden. Diese Entscheidung macht für mich die wirkliche Freiheit des Lebens aus. Niemand ist zu irgendetwas gezwungen. Und glücklich sind diejenigen, die für eine aus freiem Willen getroffene Entscheidung keine persönlichen Nachteile erleiden.

Der Mensch als lebensfrohes Wesen in einer egalitären Gesellschaft

Freyja von Holger Much

Sind deine „guten“ Charaktere Vorbilder?

B.F.: Ich hoffe doch. Bücher formen ja bestenfalls immer auch den Blick auf die Welt und das eigene Dasein. Ich hatte in meiner Kindheit kaum Frauen als Vorbilder und das ist mir sehr früh aufgefallen. Die Frauen haben einfach gefehlt, egal ob in der Kultur, Geschichte oder Politik. Auch in der Religion sieht es schlecht aus, das hat für mich damals allerdings keine große Rolle gespielt und ist mir erst bewusst geworden, als ich ins katholische Köln zog.

Welche Frauen waren für dich prägend?

B.F.: Es gab ein paar Frauen, die ich bewundert habe, aber die konnte ich an einer Hand abzählen: Rosa Luxemburg, Clara Zetkin, als Schriftstellerin Rosemarie Schuder. Sie hat einen wunderbaren Roman über meinen Lieblingsmaler, Hieronymus Bosch geschrieben. Aber sobald ich das „Mosaik“ zur Hand nahm, kamen Frauen immer nur am Rande vor. Auch in Filmen und klassischer Literatur waren Frauen Beiwerk, schmückendes Irgendwas und immer wieder auch gerne für negative Verläufe von Ereignissen verantwortlich. Das größte Buch für mich ist und bleibt Goethes „Faust“. Die Frauenquote schauen wir uns da besser nicht an.
Ich wollte ein Buch schreiben, das ich früher gerne selber gelesen hätte. Mit vielen unterschiedlichen Charakteren und lebensfrohen Menschen und Wesen in einer egalitären Gesellschaft.

Lilith, Mahhara und Kundrie müssen in „Lilith“ den Kampf gegen das Böse in Form von Ariman antreten. Wofür lohnt es sich deiner Meinung nach, in unserer Welt zu kämpfen?

B.F.: Im Moment gibt es viele Baustellen, aber eine offene Gesellschaft, in der Vielfalt nicht nur toleriert, sondern gelebt, gewünscht und gefördert wird, ist für mich der Dreh- und Angelpunkt. Und ich meine eine offene und freie Gesellschaft für alle: die, die hier geboren sind; die, die hier leben wollen oder die, die hier sind, weil sie ihre Heimat verlassen mussten. Mir ist ein respektvoller Umgang miteinander ein echtes Anliegen. Allerdings schiebt sich der Klimaschutz mit Macht in den Vordergrund. Wir zerstören gerade die Grundlage für jede Form von Leben.

Wer ist dein Lieblingscharakter in der „Baumweltensaga“ und gibt es jemanden, den du gar nicht leiden kannst?

B.F.: Ich mag Mahharas Lebendigkeit und teile ihre Vorliebe für Gin, auch wenn ich nicht nachvollziehen kann, warum sie den kalten Teil der Unterwelt bevorzugt. Aber so sind Eulenfrauen nun mal. Ariman kann ich nicht leiden. Er ist als Gestaltenwandler nicht zu greifen und das ewig Böse auf der Welt.

Das Zwergenfudge ist eine beliebte Süßigkeit in den Baumwelten. Was naschst du am liebsten?

B.F.: Das Fudge, auf das ich mich beziehe, habe ich in England kennengelernt, selbstgemacht und in vielen verschiedenen Arten erhältlich. Man kauft es in Blöcken und kann es stückeweise abbrechen. Mein Lieblingsfudge von dort ist ‚Rum and Raisin‘. Ich liebe es.

Wie sieht deine Schreibroutine aus?

B.F.: Es gibt unterschiedliche Phasen während der Entstehung einer Geschichte. Am Anfang habe ich eine Idee. Zu dieser Idee brauche ich eine Geschichte. Also lese ich viel Literatur zum Thema, besuche Ausstellungen, wenn es welche zum Thema gibt oder rede einfach mit Leuten. In der Zeit bin ich sehr flexibel in Bezug auf Arbeitszeiten und Arbeitsorte. Lesen und Texte ausarbeiten kann ich überall. Wenn ich einen oder mehrere Stränge habe, dann fließt es eigentlich wie von alleine. Das ist die Phase, in der ich mich morgens an den Computer setzen muss und solange schreiben, bis alles raus ist, oder ich Unterricht habe. In der Phase reduziere ich mein Leben so gut es geht auf den Schreibprozess.

Was war das Schönste und das Schwierigste während des Schreiben der Baumweltensaga?

B.F.: Die Baumwelten zu kreieren war wie eine Entdeckungsreise, in jeder Phase der Entstehung gab es etwas Neues aufzuspüren. Es fanden immer neue Lebewesen, Vorstellungen und Dinge zueinander, die häufig an zwei Ecken der mythologischen Welt vollkommen unabhängig voneinander ihr Dasein gefristet haben. Und mit einem Mal passte alles und ergab ein völlig neues Bild. Ich muss nur die entsprechenden Charaktere aufspüren, die die Geschichte bereichern und erkennen, wenn sich eine Figur nicht ins Bild fügt.

Am Ende von „Liliths Weltenchronik“ werden die Zwerge zu Ausgestoßenen der Baumwelten. In „Freyjas Kampf“ bemühen sich einige Figuren, sie wieder zurückzuholen. Glaubst du, dass jeder eine zweite Chance verdient?

B.F.: Die Welten in der Baumweltensaga stehen als Metapher für unterschiedliche Gesellschaften. Und die Zwergengesellschaft hat sich von einer offenen Gesellschaft zwischenzeitlich in eine totalitäre gewandelt. Ihr Anführer, der Zwergenälteste Hellerich, wird von den Ideen Arimans vergiftet und so regiert er im Losalfheim. Der „normale Zwerg“ leidet unter seinem totalitären Anführer und darunter, aus der Gemeinschaft der Baumwelten ausgestoßen zu sein. Ich finde es wichtig, zu differenzieren, in allen Bereichen und die Dinge bis zu ihrem Ursprung zurückzuverfolgen. Diese Details weisen dann meist einen Weg aus einer verfahrenen Situation heraus. Das nenne ich eine zweite Chance geben. Insofern haben alle eine zweite Chance verdient.

Selbstverliebtheit, Stolz und Selbstbewusstsein

Barbara Fischer (Drachenfliege)
Barbara Fischer liest im Periplaneta Literaturcafé

Wieso hast du beschlossen, für diese Fortsetzung eine neue Hauptfigur einzuführen, anstatt nur die Geschichte der vorherigen Charaktere weiter zu erzählen?

B.F.: Es gibt so unglaublich viele spannende mythologische Figuren, ich möchte am liebsten über alle eine Geschichte schreiben, sie in immer neue Konstellationen setzen und neue Kontexte für sie finden. Vor allem die Geschichten der mythologischen Frauenfiguren sollten neu erzählt werden, da sie im Verlauf der Überlieferung, ich sag mal, schlichtweg verharmlost oder ihnen viele Eigenschaften einfach abgesprochen wurden. Ich könnte mich da wirklich nicht auf nur eine Figur festlegen, auch wenn Lilith eine sehr spannende Protagonistin ist.

Der Hauptfigur Freyja wird nachgesagt, dass keiner sie mehr liebt als sie sich selbst. Sollten wir uns alle daran ein Beispiel nehmen?

B.F.: Selbstverliebt heißt in dem Fall ja nichts anderes, als auf sich und seine Bedürfnisse zu achten, ohne jemand anderem zu schaden. Freyjas selbstverliebtes und stolzes Gemüt hilft ihr letzten Endes, sich den Widrigkeiten einer schwierigen Entwicklung zu stellen. Das heißt, für sie ist es nicht nur in Ordnung, selbstverliebt zu sein, sondern einfach notwendig. Freyja helfen ihr Selbstbewusstsein und ihre Selbstverliebtheit dabei, ihre Aufgaben zu erfüllen. Daran kann man sich bedenkenlos ein Beispiel nehmen.

Das Thema „Gerechtigkeit“ taucht in „Freyjas Kampf“ immer wieder auf. Was bedeutet Gerechtigkeit für dich?

B.F.: Freyja sucht in letzter Konsequenz ihren inneren Frieden. Frieden ohne Gerechtigkeit ist eine Illusion. Wir alle brauchen Frieden, innerlich wie äußerlich. Deshalb ist Gerechtigkeit ein sehr wichtiges Thema.

Kannst du uns einen kleinen Ausblick auf das nächste Buch geben?

B.F.: Es wird wieder ein Entwicklungsroman. Im dritten Band der Baumweltensaga reist meine Protagonistin Frigg nach Sumatra. Sie wird viele Abenteuer erleben und auf völlig andere Menschen, Wesen und Zusammenhänge treffen. Es begegnen sich erneut Mythologien, die bislang nicht miteinander in Berührung gekommen sind und sich doch gegenseitig so unglaublich bereichern können. Frigg hat ihren Abschluss an der Yggdrasil-Universität gemacht und will auf dem pazifischen Feuerring ihren Vater finden. Am Ende aber hat sie so viel mehr gefunden. Reisen ist die beste Universität.

Danke für das Interview.
Silvia Klein

Das Interview über „Frigg“

Holger Much

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